Don’t drink and dive – nicht nur eine Kampagne, sondern gelebte Verantwortung füreinanderMit dieser Artikelreihe möchte der HTSB das Thema Alkohol und Tauchen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Dabei geht es uns um die medizinischen Hintergründe, unsere Vorbildfunktion, die rechtliche Verantwortung und nicht zuletzt um die Frage: Was kann und sollte ich tun, wenn ich merke, dass jemand zu viel Alkohol getrunken hat? Immer wieder ist Alkohol bei Vereinsausfahrten und Tauchtreffen ein Thema – leider häufig eines, über das nur ungern gesprochen wird. Wir kennen es alle: das sogenannte Dekobier. Nach einem schönen Tauchtag lässt man den Abend in gemütlicher Runde bei Bier, Wein oder anderen Getränken ausklingen. Man sitzt zusammen, erzählt von den Erlebnissen unter Wasser und genießt die Gemeinschaft. Und nicht selten wird daraus ein langer Abend. Doch was passiert, wenn nach einem solchen Abend am nächsten Morgen wieder getaucht wird? Ganz gleich, ob mit Kindern, Jugendlichen oder erwachsenen, erfahrenen Tauchern: Die entscheidende Frage lautet, welche Auswirkungen Restalkohol und die Folgen des Alkoholkonsums auf unsere Leistungsfähigkeit über und unter Wasser haben. Mit dieser Reihe möchten wir genau das beleuchten. Uns geht es nicht darum, Alkohol grundsätzlich zu verdammen oder jemandem den geselligen Abend zu nehmen. Vielmehr möchten wir für die möglichen Auswirkungen sensibilisieren und dazu beitragen, dass wir verantwortungsvoll miteinander umgehen.
Eine kleine Anekdote
Während meiner Ausbildung in Düsseldorf fragte ich die Patienten bei der Anamnese regelmäßig: „Trinken Sie Alkohol?“ Häufig lautete die Antwort: „Nein.“ Auf die anschließende Frage „Trinken Sie Bier?“ wurde dann allerdings nicht selten mit „Ja“ geantwortet. In Frankfurt war ich anfangs erstaunt, dass beide Fragen verneint wurden – bis ich Bier durch Apfelwein ersetzte. Was zeigt uns diese kleine Geschichte? Oft ist gar nicht so klar, welche Getränke Alkohol enthalten und wie viel Alkohol tatsächlich konsumiert wird. Auch Bier mit einem Alkoholgehalt von etwa fünf Prozent ist keineswegs harmlos. Entscheidend ist nicht, wie wir ein Getränk bezeichnen, sondern wie viel reiner Alkohol darin enthalten ist.
Alkohol und unser Körper
Alkohol wirkt auf nahezu alle Organsysteme. Besonders betroffen sind das Gehirn, das Herz-Kreislauf-System und der Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt.
Die akute Wirkung auf das Gehirn
Alkohol beeinflusst die Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Er greift unter anderem in die Wirkung der Neurotransmitter GABA und Glutamat ein. Dadurch wird die Aktivität des Gehirns gedämpft. Das hat zunächst eine scheinbar angenehme Wirkung: Wir fühlen uns entspannter, lockerer und gelassener. Gleichzeitig nimmt aber unsere Fähigkeit ab, Risiken richtig einzuschätzen. Auch die Kritikfähigkeit sinkt. Viele Menschen fühlen sich unter Alkoholeinfluss besonders selbstsicher, obwohl ihre tatsächlichen Fähigkeiten bereits eingeschränkt sind. Weitere wichtige Auswirkungen sind:
- Verminderte Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit
- Eingeschränkte Orientierung
- Verlangsamte Informationsverarbeitung
- Verlängerte Reaktionszeit
- Verschlechterte Bewegungskoordination und Gleichgewichtsfähigkeit
- Eingeschränktes Sehvermögen
Bereits geringe Alkoholmengen können die Reaktionsfähigkeit und die Bewegungskoordination beeinträchtigen. Wie stark, ist individuell unterschiedlich und hängt unter anderem von Körpergewicht, Geschlecht, Trinkgeschwindigkeit und Nahrungsaufnahme ab. Auch der Schlaf leidet unter Alkoholeinfluss. Man schläft möglicherweise schneller ein, die Schlafqualität ist jedoch schlechter. Man wacht häufiger auf und fühlt sich am nächsten Morgen oft nicht wirklich erholt. Gerade dieser Punkt ist für uns Taucher wichtig: Auch wenn der Alkohol am nächsten Morgen weitgehend abgebaut ist, können Müdigkeit, Schlafmangel und die Folgen des vorherigen Konsums noch vorhanden sein.
Langfristige Folgen regelmäßigen Alkoholkonsums
Regelmäßiger hoher Alkoholkonsum kann das Gehirn dauerhaft schädigen. Es kann zu einem Verlust von Hirnsubstanz, Gedächtnisstörungen und Einschränkungen der Lernfähigkeit kommen.
Auch die sogenannte Toleranzbildung spielt eine Rolle. Das Gehirn passt sich an den regelmäßigen Alkoholkonsum an. Man benötigt zunehmend größere Mengen, um dieselbe Wirkung zu erzielen. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Körper Alkohol besser verträgt oder weniger geschädigt wird. Ein weiteres bekanntes Phänomen ist der sogenannte Filmriss. Dabei können neue Erinnerungen aufgrund der gestörten Informationsverarbeitung im Gehirn nicht mehr richtig gespeichert werden. Wie schnell es dazu kommt, ist individuell unterschiedlich. Besonders riskant ist es, in kurzer Zeit große Mengen Alkohol zu trinken.
Alkohol und Tauchen – eine ungünstige Kombination
Warum ist Alkohol für uns Taucher besonders problematisch?
Beim Tauchen müssen wir jederzeit in der Lage sein, Situationen richtig einzuschätzen, angemessen zu reagieren und Entscheidungen zu treffen. Wir verlassen uns auf unsere eigene Leistungsfähigkeit, aber auch auf unseren Tauchpartner. Schon kleine Einschränkungen können unter Wasser weitreichende Folgen haben. Beschleunigter Wärmeverlust
Alkohol erweitert die Blutgefäße in der Haut. Dadurch wird mehr warmes Blut an die Körperoberfläche transportiert und Wärme schneller an die Umgebung abgegeben.
Unter Wasser kann dies den Wärmeverlust verstärken. Wir kühlen schneller aus. Kälte wiederum beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit und die motorischen Fähigkeiten zusätzlich.
Flüssigkeits- und Mineralstoffhaushalt
Alkohol hemmt die Ausschüttung des antidiuretischen Hormons (ADH). Dadurch produzieren die Nieren mehr Urin und der Körper verliert Flüssigkeit.
Die daraus entstehende Dehydrierung kann zu Kreislaufproblemen, Kopfschmerzen und verminderter Leistungsfähigkeit führen. Auch der Mineralstoffhaushalt kann beeinflusst werden.
Für Taucher ist das besonders ungünstig, da Flüssigkeitsmangel als möglicher zusätzlicher Risikofaktor für Dekompressionsprobleme diskutiert wird. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist deshalb vor und nach dem Tauchen wichtig. Veränderungen der Durchblutung Alkohol beeinflusst die Regulation der Blutgefäße. Die Erweiterung der peripheren Gefäße verändert die Wärmeabgabe und die Verteilung des Blutflusses im Körper.
Die genauen Auswirkungen auf die Stickstoffaufnahme und -abgabe beim Tauchen sind komplex und nicht ausreichend geklärt. Sicher ist jedoch: Alkohol schafft zusätzliche physiologische Belastungen, die wir beim Tauchen nicht gebrauchen können. Beeinträchtigte Wahrnehmung und Entscheidungsfähigkeit Besonders kritisch wird es, wenn Alkohol und Stickstoffnarkose zusammenkommen.
Beide können die Wahrnehmung, das Urteilsvermögen und die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Die Auswirkungen können sich gegenseitig verstärken.
Ein Taucher, der bereits durch Restalkohol, Müdigkeit oder einen schlechten Schlaf beeinträchtigt ist, hat somit deutlich schlechtere Voraussetzungen, um auf unerwartete Situationen unter Wasser angemessen zu reagieren.
Und was bedeutet das für unseren Tauchalltag?
Stellen wir uns folgende Situation vor:
Wir sitzen nach einem schönen Tauchtag zusammen. Es gibt etwas zu essen, Bier und Wein werden ausgeschenkt. Die Stimmung ist gut, die Gespräche werden länger und irgendwann wird es spät.
Am nächsten Morgen steht der nächste Tauchgang auf dem Programm.
Vielleicht fühlt sich der eine noch etwas müde, der andere hat Kopfschmerzen, und ein Dritter meint, dass er doch schon wieder ganz fit sei.
Aber können wir wirklich beurteilen, ob alle wieder uneingeschränkt tauchtauglich sind?
Ein subjektives Gefühl von Nüchternheit ist kein zuverlässiger Nachweis dafür, dass kein Alkohol mehr im Blut vorhanden ist oder dass die Leistungsfähigkeit vollständig wiederhergestellt ist. Deshalb gilt: Wer noch Restalkohol hat oder sich durch die Folgen des Alkoholkonsums beeinträchtigt fühlt, darf nicht tauchen. Im Zweifel wird auf den Tauchgang verzichtet.
Wie spreche ich ein Zuviel an Alkohol in der geselligen Runde an?
Das ist sicherlich eine der schwierigsten Situationen im Vereinsleben.
Niemand möchte als Spielverderber gelten. Und wer möchte schon einem anderen Erwachsenen vorschreiben, wie viel er trinken darf?
Trotzdem sollten wir nicht wegschauen.
Ein möglicher Einstieg kann ganz unkompliziert sein: Man spricht die betreffende Person direkt, aber möglichst unter vier Augen an. Ohne Vorwürfe und ohne Bloßstellung.
Vielleicht hilft ein Satz wie:
„Du, ich mache mir ein bisschen Gedanken. Morgen wollen wir doch gemeinsam tauchen. Vielleicht sollten wir für heute langsam Schluss machen.“
Oder man spricht das Thema ganz allgemein in der Gruppe an und vereinbart gemeinsame Regeln für Vereinsausfahrten.
Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen und nicht erst dann reagieren, wenn etwas passiert ist.
Gerade erfahrene Taucher, Ausbilder und Vereinsverantwortliche haben hier eine besondere Vorbildfunktion.
Was mache ich, wenn mein Tauchpartner am nächsten Morgen noch Restalkohol haben könnte und trotzdem tauchen möchte?
Hier gibt es eigentlich keine Diskussion: Sicherheit geht vor Gemeinschaft und auch vor persönlichen Interessen.
Wenn ich den Eindruck habe, dass mein Tauchpartner noch unter Alkoholeinfluss steht oder durch die Folgen des Alkoholkonsums beeinträchtigt ist, muss ich das ansprechen.
Ein Tauchgang findet immer freiwillig statt. Niemand muss tauchen, nur weil es geplant ist oder weil die anderen bereits ihre Ausrüstung vorbereiten.
Ich kann und darf einen gemeinsamen Tauchgang ablehnen, wenn ich Zweifel an der Tauchtauglichkeit meines Partners habe. Das gilt selbstverständlich auch umgekehrt.
Ein Alkoholtest kann im Einzelfall zusätzliche Informationen liefern, ersetzt aber weder die Beurteilung der Tauchtauglichkeit noch die Verantwortung jedes Einzelnen.
Es geht nicht darum, jemanden zu bevormunden. Es geht darum, Verantwortung zu übernehmen – für uns selbst und für unsere Tauchpartner.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Tauchen ist ein Gemeinschaftssport. Wir verlassen uns aufeinander, helfen uns, passen aufeinander auf und übernehmen Verantwortung füreinander.
Diese Verantwortung endet nicht mit dem Auftauchen. Sie gilt auch beim gemeinsamen Essen, bei Vereinsfeiern und bei geselligen Abenden während unserer Ausfahrten.
Mit unserer Artikelreihe möchten wir dazu beitragen, dass Alkohol und seine Auswirkungen beim Tauchen kein Tabuthema bleiben.
Denn eines sollte uns allen klar sein:
Ein ausgelassener Abend ist schön. Ein sicherer Tauchgang am nächsten Morgen ist wichtiger.
Don’t drink and dive – wir passen aufeinander auf! Eure Petra Strobel


